ungewöhnliche und berührende formate, ideen, konzepte und geschichten.

Seit Anbeginn der menschlichen Historie waren es immer Erlebnisse und Geschichten, die es wert waren, von Generation zu Generation überliefert zu werden – von den Höhlenmalereien bis zu den digitalen Spuren im Netz unserer Zeit.

Rudolf Meures – Das letzte Große Loslassen

Bei meiner Arbeit im Hospiz lernte ich Herrn Meures kennen. Er fing in den letzten zwei Monaten vor seinem Tod wieder an zu malen und sein letzter Wunsch war eine Ausstellung seiner Bilder. Ich durfte ihm diesen Wunsch erfüllen. Es lag nahe, die Bilder direkt im Hospiz auszustellen: In dem Gang an dem sein Zimmer lag. Ich war neugierig, ob sich die Menschen trauen würden, zur Ausstellung in ein Hospiz zu kommen – mit Inkontinenzunterwäsche auf den Wägen im Gang, Pflegepersonal bei der Arbeit und mit den Gerüchen und Lauten, die es dort eben gibt. Letztendlich kamen um die 30 Interessierte zur Ausstellungseröffnung. Es war für alle Beteiligten – besonders natürlich für die Angehörigen – eine sehr berührende Veranstaltung. Ich las folgende, selbst erlebte Geschichte vor:

Kurz nach seinem 60. Geburtstag erfährt Rudolf Meures, dass er einen Tumor im Gehirn hat. Der Tumor wird entfernt und dabei werden Metastasen im gesamten Lymphsystem festgestellt. Er entscheidet sich dazu, seine letzte Lebenszeit im Hospiz zu verbringen und bezieht das Zimmer Nummer 14. Dort verstirbt er ca. zwei Monate später ungefähr zur Mittagszeit.

Als ich das erste Mal sein Zimmer betrete, um ihm das Mittagessen zu bringen, da bin ich überrascht. Ein freundlich lächelnder Mann sitzt neben dem Bett am Tisch auf einem Stuhl. Er hat eine Sauerstoffsonde in der Nase und der Schlauch führt über ein paar kunstvoll geschwungene Schleifen zu einem Sauerstoffgerät, das neben ihm am Boden steht und leise vor sich hin gluckert. „Fallen Sie nicht!“, sagt er und zieht seinen Schlauch aus dem Weg. Schon damals bemerke ich die vielen bunten Tücher an den Wänden seines Zimmers, doch ich muss weiter – Essen austeilen. Doch beschließe ich bald wieder zu kommen.

Ein paar Tage später ist es dann soweit: Ich klopfte an Herrn Meures Tür und ein „Herein“ lässt mich eintreten. Er sitzt an derselben Stelle wie das Mal zuvor und hat auch wieder dieses freundliche Lächeln auf dem Gesicht und um die Augen. Diesmal habe ich Zeit mitgebracht und frage, ob ich mich wohl setzen dürfe. „Sehr gern, junge Dame!“, sagt er und ich lasse mich ihm gegenüber auf dem freien Stuhl nieder. Nun mustere ich die Seidentücher, die fast jede freie Stelle der Zimmerwand bedecken. Alle wurden von ihm in liebevoller Handarbeit bemalt, erfahre ich später. Die Male darauf darf ich immer wieder neue Tücher entdecken – er wechselt sie ab und zu, je nach Laune. Nur eines wird bleiben: Sein Lieblingsstück – das große Tuch mit den Tieren in der Steppe – es hängt direkt über dem Bett.
„Gefallen Ihnen meine Tücher?“, fragt er „Ich hab´noch mehr davon!“ Er steht auf und geht zum Schrank und zieht dabei sein Sauerstoffgerät hinter sich her. Er öffnet die Schranktür, holt einen prallen Koffer aus dem Schrank hervor und bringt ihn zum Bett. Meine Hilfe will er dabei nicht annehmen.

„Das geht schon!“, ächzt er, als er den Koffer auf das Bett hebt und ihn öffnet. „Schaun Sie mal!“, schmunzelt er und ich bin sprachlos: Aus dem Koffer quellen Unmengen von bunten Seidentüchern. „Im Schrank habe ich auch noch jede Menge Krawatten und Schals!“, sagt er und geht sie holen.Kurz darauf breiten sich Jahrzehnte von Handarbeit vor mir aus und ich sitze da und staune. Die nächste Stunde verbringe ich damit, jedes kleine Kunstwerk einzeln in die Hand zu nehmen. Zu manchem bekomme ich eine Geschichte, oder Herr Meures erinnert sich dadurch an Episoden aus seinem Leben und erzählt.

So zum Beispiel auch die Geschichte von den Weihnachtsengeln: Vögel sind eines seiner Lieblingsmotive und sie schmücken nicht nur ein paar Seidentücher, sondern baumeln auch bunt bemalt vor seinem Fenster. Er hat sie aus durchsichtigen Kunststoffplatten ausgeschnitten und mit speziellen Farben bemalt, so dass das Licht hindurchschimmert. „Die gibt es auch als Engel“, sagt er. Als er als Sicherheitsassistent bei einem Amt an der Pforte gearbeitet hat, hat er zu Weihnachten jedem der Angestellten einen persönlichen Weihnachtsgruß mit einem selbst gebastelten Engel geschenkt. Jedem, der passierte, drückte er einen Briefumschlag in die Hand. Er sagte, dass diese Handlung aus dem Herz heraus das gesamte Betriebsklima veränderte. Es sprach sich herum wie ein Lauffeuer, dass der bescheidene, immer freundliche Mann an der Pforte über 300 Menschen einfach so beschenkte. Von nun an grüßte ihn jeder freundlich und sein Arbeitsplatz war über Nacht ein wärmerer Ort geworden.

Er sagt plötzlich, dass er schon ewig keinen Pinsel mehr in die Hand genommen hat und ich frage ihn spontan, ob er wieder Lust dazu hätte. Nach einer Pause bejaht er: So langsam könne er es sich wieder vorstellen, jetzt wo er fast alles geregelt habe und hier bei uns zur Ruhe kommen darf. „Wenn ich meine Wohnung fertig ausgeräumt habe und das mit der Beerdigung geregelt ist, dann fange ich an. Jetzt gerade ist mein Kopf noch so voll mit Dingen, die ich erledigen muss.“Meinen Vorschlag, mal etwas ganz Neues auszuprobieren, nimmt er begeistert an. „Aquarell habe ich noch nie gemalt, das will ich versuchen!“

Und so sitzen wir nach einiger Zeit gemeinsam im Kreativraum des Hospizes, ich mache Musik an und wir malen. Herr Meures lernt blitzschnell die einfachen Handgriffe der Aquarelltechnik und ich sitze da und staune mal wieder über diesen Mann.

Seine ersten Werke sind noch sehr figürlich – so wie seine Seidentücher. Ein Rahmen begrenzt den Inhalt. Nach einiger Zeit jedoch lernte er die Nass-in-Nass-Aquarelltechnik und ist begeistert davon. Ein freier und abstrakter Ausdruck spricht ihm jetzt aus der Seele. Die Farben zerlaufen ineinander und bilden unvorhersehbare Muster. Als ich ihn frage, ob es ihm etwas bedeuten würde, wenn ich die Bilder im Hospiz ausstellte und der Öffentlichkeit zugänglich machte, da glänzen seine Augen und er bejaht. „Die könnte man dann ja auch verkaufen!“, meint er.

Und so malt Herr Meures, bevor er verstirbt, acht farbenfrohe Aquarelle mit viel Achtsamkeit und Hingabe. Seine letzten Bilder sind komplett abstrakt, so als setzte er seine seelischen Prozesse künstlerisch um. Nach einiger Zeit hat er keine Kraft mehr zum Malen. Doch er hat sich vorher noch selbst Rahmen gekauft – er war mit seinem Sauerstoffgerät in der Stadt unterwegs – und hat seine Aquarelle selbst gerahmt. Als ich ihn besuche, besteht er darauf aufzustehen und mir die gerahmten Bilder selbst zu geben. „Ich hänge die Bilder direkt vor Ihrer Tür im Gang auf!“, verspreche ich ihm.
Ab diesem Tag liegt Herr Meures nur noch im Bett und kann weder selbst aufstehen, noch selbst essen oder trinken. Als ich ihm wenig später das Mittagessen anreiche, fehlt ihm jede Kraft zu sprechen.

Einen Tag vor seinem Tod erzählt er mir, dass es so schwer wäre, das letzte, große Loslassen. Er hat eingefallene Wangen und ist sehr blass. Um seine Augen schmiegen sich dunkle Schatten. Das immer-währende Lächeln ist aus seinem Gesicht verschwunden. Wir sehen uns eine Zeit lang in die Augen, ohne zu sprechen. Es ist ein intensiver, sehr naher Augenblick. Nach einiger Zeit frage ich ihn leise, ob es etwas Spezielles gäbe, dass er besonders schwer loslassen könne. „Ja!“, sagt er. „Meine letzten Erfahrungen, die Freude beim Malen meiner Bilder.“

Ein paar Stunden vor seinem Tod hänge ich die Bilder wie versprochen im Gang auf. Ich betrete sein Zimmer – Herr Meures reagiert nicht, als ich mich zu seinem Ohr beuge und flüstere: „Herr Meures – ich habe gerade Ihre Aquarelle im Gang vor der Tür aufgehängt und ich verspreche Ihnen, dass ich damit eine Ausstellung machen werde.“
Ich bin mir ganz sicher, dass er mich noch gehört hat.